Interview mit Martin Stolz

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Martin Stolz ist fotografisch sehr vielseitig unterwegs. Am liebsten beschäftigt er sich mit der Makrofotografie, aber auch die Tier- und Wildlifefotografie beschäftigt ihn immer wieder.

 

 

 

 

Auf welche Themenbereiche der Naturfotografie hast du dich spezialisiert und was inspiriert dich hierbei?

Die Natur an mit all ihrer Vielfalt und Pracht hat mich von je her fasziniert und letztlich inspiriert meine Beobachtungen und Erlebnisse in Bildern festzuhalten. Es war eigentlich nie mein Ziel, mich auf bestimmte Bereiche der Naturfotografie einzuschränken. Sicher, als Generalist mit einer breiten Palette an Themen verliert man sich manchmal. Und wird vielleicht nie die Feinheiten eines bestimmten Motives voll herausarbeiten können. Grundsätzlich möchte ich Tiere und Pflanzen möglichst mit ihrem Lebensraum erfassen. D. h. bei Fototouren habe ich meist alles dabei. Vom Fisheye, über Normalbrennweiten, Makro bis hin zu langen Telebrennweiten. Schließlich weiß ich ja nie 100%ig, was mich draußen erwartet. Trotz gewisser Planungen und Ideen im Vorfeld

Wenn ich mein Archiv sichte, fällt auf, dass ich in den letzten Jahren eine relativ starke Fokussierung auf die Makrofotografie vollzogen habe. Dies ist eher dem Umstand geschuldet, dass ich im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet in Deutschland lebe. Hier kann ich kaum großräumige bzw. noch relativ natürliche Naturlebensräume für die Fotografie nutzen – die Artenvielfalt ist leider nicht mehr sehr groß. Da bin ich auf „inselartige Vorkommen“ bestimmter Tiere und Pflanzen angewiesen. Solche Areale sind schwer und nur noch mit viel Glück oder Zeitaufwand zu finden. Deshalb vermisse ich oft die Bergwelt des Steirischen Salzkammerguts, wo ich in meiner Jugend gelebt habe. Die Natur dort hat mich tief geprägt. Die Region ist immer noch die „Heimat meines Herzens“. Und dies ist der Grund, warum ich beim VTNÖ bin. Aber, gerade die Makrofotografie hat mich gelehrt, dass du überall interessante und ansprechende Motive finden kannst. Du musst nur bereit sein, dich auf die kleinen, auf den ersten Blick vielleicht eher unscheinbaren, Dinge einzulassen.

Ansonsten fotografiere ich gerne Säugetiere und Vögel mit langen Brennweiten. Landschaften verschmähe ich keinesfalls. Ich muss aber gestehen, dass ich dazu noch nicht den richtigen Zugang gefunden habe. Mir selbst erscheinen meine Landschaftsaufnahmen oft etwas „flau“. Oder besser gesagt, vermitteln sie nicht das, was ich selbst vor Ort gesehen bzw. empfunden habe. Daran muss ich noch arbeiten. Regional gesehen fotografiere ich am meisten „vor der Haustüre“. Bevorzugt auch in den Alpen, weil mein Beruf nicht genügend Spielraum für längere Fototouren im Ausland zulässt. Und den Jahresurlaub möchte ich möglichst mit meiner Familie verbringen. Zum Leidwesen meiner Frau und Tochter schleppe ich aber bei jedem Ausflug / Urlaub meine Standard-Ausrüstung mit. Ich gehe häufig früh morgens oder am Abend auf kurze fotografische Erkundungstouren.

 

 

Die Konzentration auf heimatnahes Fotografieren empfinde ich gar nicht als Nachteil. Schließlich kennst du da die Plätze mit der Fauna und Flora viel besser. Und du weißt relativ gut wann und wo Chancen auf ganz bestimmte Bilder bestehen. Und du kannst spontan die verschiedensten Jahreszeiten bzw. Wettersituationen ausnutzen. Wenn ich eine einwöchige Reise in ein neues Gebiet plane, kann ich zwar davor gründlich recherchieren. Aber das Zeitfenster ist meist viel zu kurz, um die „Essenz dieser Region“ erfassen und ansprechende Bilder von den dortigen Tieren und Pflanzen mitbringen zu können. Außer mit dem Quäntchen Glück, das bei der Naturfotografie dazu gehört.

Es müssen also nicht immer oder eben grade nicht die interessantesten Hotspots oder die spektakulärsten Tier- und Pflanzenarten, die meines Erachtens ohnehin schon tausendfach in wunderbaren Bildern gezeigt wurden, sein. So habe ich absolut keine Ambitionen, mich in eines dieser unter Naturfotografen prominent gewordenen Fotoverstecke einzumieten. Nur um eine ganz bestimmtes Aufnahme zu realisieren, die ohnehin schon in etlichen Variationen durch die verschiedenen Foren kursieren. An solchen „bezahlten“ Bildern hätte ich persönlich kaum Freude. Fotografieren in Zoo und Gehege vermeide ich gänzlich. Wenn ich im Gegensatz dazu bei meinen eigenen Touren ein scheues oder seltenes Tier bzw. eine seltene Pflanze vor die Linse bekomme, erfüllt mich dies mit riesengroßer Freude. Und es motiviert mich meinem eingeschlagenen Weg weiter zu folgen.

 

 

Was war dein erfolgreichstes Foto und wie entstand es?

Mein bisher erfolgreichstes Bild war ein erster Platz in der Kategorie Kinderstube beim VTNÖ-Wettbewerb 2015. Es zeigt ein trinkendes Gamskitz mit seiner Mutter auf einer Felskante. Eigentlich wollte ich das Bild gar nicht einsenden. Ich hatte meine Einreichung zum Wettbewerb schon längst abgeschlossen. Ich fuhr danach im Spätsommer für ein paar Tage ins Salzkammergut. An einem der Tage ging ich mit einem befreundeten Vereinskollegen auf Fotopirsch zu einem aussichtsreichen Platz mit vielen Gämsen. Als wir am frühen Morgen den Berghang erreicht hatten, übersahen wir zunächst ein hinter einer Kuppe ruhendes Gamsrudel mit Kitzen. Sie flohen in die nahen Felswände und ich hatte zunächst nicht mehr erwartet, an diesem Tag nochmals eine größere Gruppe an Tieren anzutreffen.

 

 

Trotzdem stiegen wir höher und plötzlich stand da über uns auf einer Felskante eine Gams. Wir duckten uns in die Latschen und warteten, als auf einmal ein Kitz zu dem Muttertier kam. Als es kurz zu trinken begann konnte ich diesen Moment in einem Bild festhalten. Wir verbrachten noch einige Stunden dort oben Dabei konnten wir uns einem „Gamskindergarten“ relativ gut annähern und sehr viele schöne Aufnahmen dieser wunderbaren Tiere machen. Es waren noch etliche schöne Bilder von Kitzen dabei. Aber eben nur eines, wo das Kitz trank. Wieder daheim angekommen schaute ich am letzten Tag vor Einsendeschluss nochmals meine bisherigen Einreichungen durch. Und tauschte ein Bild mit zwei kleinen Murmeltieren gegen eben dieses Foto.

 

Was möchtest du mit deinen Fotos vermitteln?

Als ich mit der Fotografie begann, war es erst ein „Knipsen von Dokumenten“ für mich selbst. Eben einfach schöne Erlebnisse oder Begebenheiten als Erinnerung festhalten. Je bewusster ich mich mit der Naturfotografie befasste, änderten sich nicht nur meine Bilder in qualitativer Hinsicht, sondern auch mein Anspruch an die Bildsprache. Weg vom rein dokumentarischen Charakter hin zu eher künstlerischen Darstellungen. Ich mag ruhige relativ monochrome Hintergründe und dann möglichst nur den / die Hauptprotagonisten im Bereich der Schärfenebene – bei Tieren am besten immer auf Augenhöhe. Erstens zieht der Blick des Tieres den Betrachter an. Und zweitens kannst du von einem tieferen Punkt mit langen Telebrennweiten den Hintergrund schöner auflösen.

 

 

Mit meinen Bildern möchte ich meine Mitmenschen anregen, die Schönheit der Natur zu erfassen und auch etwas mehr Interesse und Demut gegenüber Pflanzen und Tieren zu entwickeln. Ich finde es immer wieder interessant, wie gerade Mitmenschen, die wenig mit Natur und gar nichts mit Naturfotografie zu tun haben, auf manche Bilder reagieren. Heute kennen gerade jungen Menschen in der Stadt viele Tiere und Pflanzen nicht mehr. Es freut mich jedes Mal, wenn ein Betrachter ins „kindlich naive Staunen“ gerät und voller Bewunderung fragt, was denn da Schönes auf dem Bild ist? Gerade bei Makroaufnahmen sind die Betrachter häufig verblüfft, wenn ich ihnen erkläre, was sie da vor sich haben. Und dass sie wahrscheinlich schon häufig an solchen Motiven einfach vorbei gelaufen sind ohne sie wahrzunehmen.

Es geht also um die Schönheit der Natur in allen Facetten und um die Wertschätzung dieser Kostbarkeiten. Es wird oft darüber diskutiert, ob wir NaturfotografInnen einen Beitrag zum Naturschutz leisten können. Mag sein, dass es nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein ist. Aber nur was du letztlich kennst, wirst du auch achten und vielleicht versuchen zu erhalten. Somit sind meine Bilder in den Augen moderner Kritiker / Juroren oft „zu brav“ und nicht spektakulär genug. Auch ich experimentiere ab und zu gerne. Aber die Grenzen vom Abstrakten zum extrem Verfremdeten sind für mich relativ eng gesetzt. Es ist natürlich Geschmacksache. Aktuell empfinde ich viele heutzutage hochgelobte Aufnahmen in diversen Fotowettbewerben als schlichtweg zu verwischt, verdreht und zu düster gehalten. Das ist nicht meine bevorzugte fotografische Ausdrucksweise.

 

Welchen Rat würdest du FotografInnen geben, bessere Fotos in deinem Themenbereich zu machen?

Ich möchte mir nicht anmaßen anderen FotografInnen Ratschläge zu erteilen, wie sie zu besseren Bildern kommen. Dafür halte ich meine eigenen Resultate noch nicht für professionell genug. Ich möchte aber gerne beschreiben, wie ich selbst an die Fotografie herangehe. Es gibt einen Tiroler Naturfotograf der vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Mit dem Herzen gesehen“ veröffentlicht hat. Ich denke, dass ist genau die Quintessenz unseres ganzen Tuns. Nur was ich wirklich liebe und gerne mache, werde ich am Ende auch gut machen können. Ich muss gestehen, dass ich nicht der technikversierteste Fotograf bin. Und ja, selbst habe ich immer wieder Mühe, die Möglichkeiten meiner Ausrüstung wirklich auszunutzen. Ganz abgesehen davon, dass ich bei der leider notwendigen Nachbearbeitung der RAW-Dateien nur die notwendigsten Handgriffe anwenden möchte.

Ich persönlich glaube, dass ein wirklich gutes Bild nicht zwangsläufig mit der leistungsstärksten Ausrüstung oder einer anschließenden umfangreichen Bildbearbeitung entsteht. Lieber sollte der Bildaufbau harmonisch gestaltet sein. Die Bearbeitung sollte etwas über das Motiv, aber indirekt auch etwas über die Sichtweise des Fotografen ausdrücken. So muss letztlich jeder seinen eigenen individuellen Weg gehen und herausfinden, was ihm selbst gefällt. Klar, es gibt viele herausragende Bilder, die dich animieren ähnliche Bilder umsetzen zu wollen. Das mache ich ehrlich gesagt auch. Am Ende sollte aber jeder Fotograf versuchen seine Beziehung zu dem Motiv bzw. sogar seine Gefühle im Bild mit einzufangen. Ich weiß, das ist ein schwieriges Unterfangen und wahrscheinlich wirst du nie zu einem finalen Ziel kommen.

 

 

Das ganze Leben ist permanenten Veränderungen unterworfen. Warum also nicht auch unsere Fotografie und unsere Bilder? Meines Erachtens sollte jeder das Ziel haben, möglichst viel draußen in der Natur zu sein, um dort schöne Begebenheiten erleben zu können. Wenn du dann zusätzlich ab und zu noch ein schönes Bild mit nach Hause bringst, ist das Ziel fast schon erreicht. Ich möchte an dieser Stelle gern den bekannten und von mir sehr geschätzten Naturfotograf Franz Bagyi zitieren: „Der Naturfotograf mag oft mit leeren Händen heimgehen – aber nie mit leerem Herzen.“

Letztlich zählt in der Naturfotografie viel Geduld und Ausdauer zu den notwendigen Tugenden. Und von Misserfolgen / Rückschlägen darfst du dich nicht allzu lange aufhalten lassen. Richtig interessant wird es, wenn du ein Motiv schon richtig erarbeitet hast, d. h. bereits Aufnahmen davon aus unterschiedlichen Perspektiven realisieren konntest. Dann schaffst du es meines Erachtens leichter deine persönliche durchaus emotionale Sichtweise in die Bilder stärker einfließen zu lassen. Meist entstehen die wirklichen „Sahnestücke“ erst, wenn die Standardaufnahmen bereits im Kasten sind. Du hast Zeit mit dem Objekt regelrecht zu spielen und dich an etwas gewagtere Aufnahmetechniken zu trauen, wie beispielsweise Gegenlichtaufnahmen (insbesondere nach Regen) oder Über- / Unterbelichtungen.

 

Welche Projekte bzw. Vorhaben stehen in deiner nahen Zukunft an?

Ja, das ist so eine Sache. Eigentlich habe ich permanent so viele verschiedene Ideen im Kopf, dass ich gar nicht weiß, wo ich eigentlich anfangen soll. Und vor allem, wo ich die Zeit dafür hernehmen soll? Schließlich muss man ja seine Brötchen verdienen und möchte Frau und Kind nicht dauernd vernachlässigen. So fällt es mir offen gesagt relativ schwer, mir gezielt einzelne Themen / Projekte raus zu picken, die ich konsequent verfolge.

 

 

Aufgrund der ohnehin geringen Freizeit bin ich eher ein Opportunist, der spontan jede sich bietende Möglichkeit nutzt. Aber klar, gegen Jahresende setze ich mich hin und mache mir eine Liste aller Themen / Ideen, die ich im kommenden Jahr anstreben möchte. Mein größter Traum ist dabei die Veröffentlichung eines eigenen Bildbandes bei einem renommierten Verlag. Bisher bin ich über regelmäßig in unserem VTNÖ-Magazin erscheinende Artikel und einem für dieses Jahr angekündigten in einem deutschsprachigen Magazin noch nicht hinausgekommen. Buchideen habe ich freilich einige im Kopf, an denen ich seit drei Jahren immer wieder fleißig arbeite, indem ich die dazugehörigen Portfolios weiter ausbaue. Dabei geht es einerseits um bestimmte Arten / Themen oder um Regionen, wie beispielsweise, Liechtenstein, Westkreta oder die Ukraine. Mal sehen.

Von den kleineren Zielen für dieses Jahr konnte ich eines schon realisieren: Frühling auf Westkreta. Sonst arbeite ich gerade an meinem Lieblingsthema „Klatschmohn“ und freue mich vor allem auf den nächsten Aufenthalt im Sommer im Steirischen Salzkammergut. Mal sehen, ob sich hoffentlich bis Herbst noch ein / zwei Übernachtungstouren in die Berge ausgehen. Mein Schlafsack und mein Kopf müssten dringend mal wieder ausgelüftet werden.

Ansonsten werde ich Ende diesen Jahres bzw. Anfang nächsten Jahres gemeinsam mit einer Malerin eine erste kleine Ausstellung ausrichten. Die Künstlerin arbeitet mit Kindern (vom Kleinkind bis hin zu angehenden Kunststudenten) zusammen. Sie möchte Naturaufnahmen von mir gemeinsam mit den Werken ihrer Schüler ausstellen. Die Kinder können sich aus einer Vorauswahl von mir Pflanzen oder Tiere aussuchen und sie in ihrer ganz individuellen Sichtweise als Gemälde umsetzen. Anschließend werden die Bilder nebeneinander gezeigt. Es wird meines Erachtens sehr spannend werden zu sehen, was den „kleinen Kritikern“ besonders gefällt und wie sie es – teilweise sehr abstrakt – künstlerisch interpretieren. Außerdem können wir dabei etwas für Naturerziehung sorgen, in dem wir den Kindern jeweils eine Geschichte über die Motive erzählen. Ich bin selbst wirklich sehr auf das Ergebnis und die hoffentlich leuchtenden Kinderaugen gespannt.

 

Alle Fotos wurden von Martin Stolz gemacht und sind urheberrechtlich geschützt.

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