Österreichs wilde Wälder – Warum wir hier sind

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Im Wald
Im Wald

 

Vor uns liegt ein Baum. Soweit nichts Ungewöhnliches. Dieser aber ist so dick, dass wir unmöglich über ihn drüber klettern können. Wir müssen außen um ihn rum. Gut 30 Meter führt der Weg um diese „gefallene“ Rotbuche. Wie lange sie hier schon liegt? Schwer zu sagen. Feststeht, einige Hundert Jahre wird es wohl noch dauern, bis sie in ihre Einzelteile aufgeschlüsselt und wieder eins mit dem Boden ist.

 

Österreichs wilde Wälder – Der Rothwald

 

„Monumental“, das ist unser erster Eindruck vom Rothwald, dem größten Urwald der Alpen und Mitteleuropas. 400 Hektar nimmt dieser wilde Restbestand inmitten des niederösterreichischen Wildnisgebiets Dürrenstein ein. Die übrigen Urwaldecken Österreichs, die sich insbesondere in den Kalkalpen und im Waldviertel finden, sind dagegen von winzigen Ausmaßen. Rechnet man alle Urwaldreste im Nationalpark Kalkalpen zusammen, ergibt das etwas mehr als 37 Hektar.

 

In den vergangenen Jahren war es für Marc und mich möglich einige dieser verschwiegenen Ecken mit unseren Kameras zu erforschen. Der Rothwald, der außer bei geführten Exkursionen den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleibt, offenbart einen Blick in eine Zeit, in der Buchen, Fichten und Tannen noch selber entscheiden durften, wie sie wachsen und sterben. Hier fehlen Bäume in Reih und Glied, die gleich groß, gleich alt und gleich dick sind. Stattdessen ist der Wald geprägt von unterschiedlichen Altersstufen, langsam verrottendem Totholz, das stehend oder liegend einer Vielzahl an Lebewesen – von Pilzen, Insekten bis hin zu Vögeln und Nagern – Nahrung und Unterschlupf bietet, beträchtliche Mengen Wasser speichert und Humus bildet, auf dem die nächsten Generationen aufwachsen.

 

 

 

 

Baumgiganten

 

Die noch lebendigen Baumgiganten, wie die 1000-jährige Tanne, die sich im Rothwald plötzlich mächtig vor uns aufbaut, spielen eine nicht minder gewichtige Rolle. Sie sind die maßgeblichen Akteure im „Wood Wide Web“, in dem Nährstoffe und Informationen über die Wurzeln und ein dichtes Netz an assoziierten Pilzfäden quer durch den Wald ausgetauscht werden. Die Großen unterstützen dabei die Kleinen. Der Urwald zeigt, dass das Leben weniger ein „Kampf ums Dasein“ als vielmehr ein wechselseitiges Geben und Nehmen ist.

 

Vielfalt im Urwald
Vielfalt im Urwald

 

 

Nicht alle heimischen Baum-Methusalems zeichnen sich aber durch ausgeprägte Stammdurchmesser und exorbitante Höhen aus. Die aktuell älteste Buche der Alpen – zu finden im Nationalpark Kalkalpen – ist knapp 20 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 73 Zentimetern, zählt aber bereits 546 Lenze. Persönlich kennen wir die unlängst entdeckte Buche nicht, dafür ihre „Verfolgerin“, die bei 528 Jahren liegt. Wir sind unterwegs mit Luchsforscher Christian Fuxjäger, der das Gebiet genau kennt und stapfen mit ihm durch das steile Gelände bis wir vor ihr stehen. Auch die zweitälteste Buche ist keine Gigantin.

 

Das liegt daran, dass sie wohl lange im Unterwuchs anderer Bäume ihr Leben fristete, ehe diese umstürzten und ihr den Weg zum Licht frei machten. Der karge Boden, die steile Lage und das kühle Klima tragen ihr Übriges dazu bei, dass der Baum kleiner wirkt als für sein Alter zu erwarten.

Tiere

 

Irgendetwas fehlt aber noch. Wo sind die großen Tiere? Immer wieder hören wir das Argument, große Raubtiere wie Wolf, Bär und Luchs würden keinen Lebensraum mehr bei uns finden. Es fehlen uns ja die Urwälder. In der Tat gibt es in ganz Österreich maximal 1.000 Hektar Urwald und etwa 8.000 Hektar Naturwald. Das entspricht ungefähr so viel wie zehn Mal der Fläche des Wiener Gemeindebezirks Meidling. Nicht gerade berauschend. Aber Fakt ist, die großen Raubtiere brauchen keine unberührte Wildnis um zu überleben, sie brauchen intakten Lebensraum, der Futter und Unterschlupf bietet. Von beidem hat Österreich reichlich.

 

 

Ausbaufähig ist der Naturwald-Anteil dennoch allemal, denn ursprüngliche Wildnis ist die Geburtsstätte der Evolution, unsere Rückversicherung für funktionierende Ökosysteme und der Grund, warum wir überhaupt hier sind.

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