Zugegeben – mit der Nachlese zu unserem Regionaltreffen im slowenischen Kočevsko (Slowenien) haben wir uns diesmal ein wenig Zeit gelassen. Genauer gesagt: deutlich mehr Zeit, als unsere Verschlusszeiten bei diesem Treffen üblicherweise betrugen. Aber manche Dinge brauchen bekanntlich ein wenig, um sich zu entwickeln – gute Bilder ebenso wie gute Erinnerungen. Und an letzteren mangelt es wahrlich nicht, wenn wir an jene vier Tage Anfang Juni zurückdenken, die uns in eine der waldreichsten, wildesten und wohl auch geheimnisvollsten Landschaften in Slowenien führten.
Vom 4. bis 7. Juni 2026 machten sich Anton Zach, Jürgen und Monika Greiner, Thomas Cecon, Yvonne Stutzig, Claus Petri, Hans Schön, Gabriela Brandstötter, Karl Felber, Martin Hartmann, Florian Brandstätter und Sigrid Thanner auf den Weg nach Kočevsko. Unsere Führerin für diese Tage war Dr. Petra Draškovič Pelc, die uns unter dem durchaus programmatisch gemeinten Motto „Discover – Experience – Feel KOČEVSKO“ ihre Heimat näherbringen sollte.
Und wie sich bald herausstellte, war insbesondere das „Feel“ keineswegs nur touristisch gemeint. Denn Kočevsko spürt man.
Wo der Wald noch Wald sein darf in Slowenien
Schon die Geschichte dieser Landschaft verleiht ihr einen besonderen Charakter. Über lange Zeit war die Region abgeschieden, Teile des Gebietes waren während und nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend gesperrt – und bis heute prägen riesige, zusammenhängende Wälder diese Gegend in Slowenien. Und irgendwo dort draußen leben sie: Braunbär, Wolf und Luchs. Alle drei besitzen bekanntlich die bemerkenswerte Eigenschaft, allein durch ihre theoretische Anwesenheit die Aufmerksamkeit für jeden knackenden Ast, jeden dunklen Schatten und jeden vermeintlichen Pfotenabdruck beträchtlich zu erhöhen. Unser Ausgangspunkt war Kočevje, wo wir am Donnerstag im Bearlog Hostel Quartier bezogen. Beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant Tri Zvezde wurden alte Bekanntschaften aufgefrischt, Neuigkeiten ausgetauscht und erste Erwartungen an die kommenden Tage formuliert. Diese sollten jedenfalls früh beginnen. Sehr früh.

Sonnenaufgang statt Ausschlafen
Wer Natur fotografiert, kennt das Problem: Die schönsten Lichtstimmungen halten sich nur selten an mitteleuropäische Frühstückszeiten. Also hieß es am Freitag schon vor vier Uhr früh: raus aus den Betten, Lunchpakete eingepackt und noch vor Sonnenaufgang hinaus in die Landschaft. Petra hatte neben ihrem umfangreichen Wissen erfreulicherweise auch Kaffee mitgebracht – eine Kombination, deren Bedeutung für das Gelingen naturfotografischer Exkursionen keinesfalls unterschätzt werden sollte. Nach dem Sonnenaufgang führte unser Weg auf das Karsthochplateau des Kočevski Rog. Hier bekamen wir erstmals eine Vorstellung davon, welche Dimension Wald in dieser Region annehmen kann. Eines unserer Ziele an diesem Tag war unter anderem auch die „Königin von Rog“, eine mächtige Tanne, die ihren Namen wahrlich nicht zu Unrecht trägt und mehrere Jahrhunderte bereits an diesem Standort allen Widrigkeiten zum Trotz sich behauptet.
Noch eindrucksvoller wurde es jedoch am Rajhenavski Rog. Dort näherten wir uns dem Rand eines echten Urwaldes. Und „Rand“ ist hier durchaus wörtlich zu verstehen: Das Reservat selbst wird nicht betreten. Der Mensch bleibt draußen – und genau darin liegt vielleicht eine seiner eindrucksvollsten Botschaften. Während wir andernorts gewohnt sind, Wälder zu bewirtschaften, aufzuräumen, Wege anzulegen und nahezu jeden Quadratmeter irgendeiner Nutzung zuzuführen, darf hier Wald einfach Wald sein. Bäume wachsen, altern, brechen zusammen und werden wieder Teil jenes Kreislaufs, aus dem neues Leben entsteht. Für Naturfotograf:innen bedeutet das natürlich ein gewisses Überangebot an Motiven: mächtige Stämme, Totholz, Moose, Lichtflecken, Strukturen und jene scheinbare Unordnung, die sich bei längerem Hinsehen als erstaunlich komplexe Ordnung der Natur entpuppt.
Nach so viel geistiger und fotografischer Nahrung folgte am Bauernhof Rajhenav erfreulicherweise auch jene der etwas kalorienreicheren Art. Am Nachmittag wartete mit der Prelesnikova koliševka noch eine weitere Besonderheit auf uns: das kleinste Urwaldreservat der Region in Slowenien. Danach ging es zurück nach Kočevje und zum gemeinsamen Abendessen. Ein langer Tag. Für vier aus unserer Gruppe allerdings noch lange nicht lang genug.
Auf zu den Bären – erster Versuch
Denn bereits am Freitagabend machte sich eine erste Vierergruppe zur Bärenbeobachtung auf. Nun hieß es: Kamera vorbereiten, Platz nehmen, ruhig sein – und warten. Naturfotografie eben. Doch diesmal hatte die Natur offenbar beschlossen, unsere Geduld nicht übermäßig auf die Probe zu stellen: Gleich drei Bären ließen sich an diesem ersten Abend beobachten! Und als wäre das für einen erfolgreichen Ansitz noch nicht genug, erschien zusätzlich ein Dachs auf der Bildfläche. Drei Bären und ein Dachs an einem Abend – damit war die fotografische Ausbeute jedenfalls deutlich besser als jene so mancher stundenlanger Ansitze, bei denen am Ende vor allem die Inneneinrichtung der Beobachtungshütte eingehend studiert werden konnte.
Krokar – Wildnis mit Welterbe-Prädikat in Slowenien
Auch der Samstag begann zu einer Uhrzeit, zu der vernünftige Menschen normalerweise noch schlafen. Unser Ziel zum Sonnenaufgang war diesmal Firštov rep. Wieder begleiteten uns Lunchpakete, Kameras, Objektive und die Hoffnung auf gutes Licht. Danach ging es weiter in Richtung Krokar. Der dortige Buchenurwald gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und zählt zweifellos zu jenen Orten, die einem vor Augen führen, wie Wälder aussehen können, wenn menschliche Eingriffe über lange Zeit weitgehend ausbleiben. Der Weg dorthin war zwar nicht besonders lang, stellenweise aber durchaus steil – was angesichts der Tatsache, dass Naturfotograf bekanntlich dazu neigen, für alle Eventualitäten ausreichend Objektive, Kameragehäuse, Stative und sonstige „unbedingt notwendige“ Ausrüstung mitzuführen, für einen gewissen Trainingseffekt sorgte. Zumindest ließ sich jede kurze Verschnaufpause problemlos als intensive Beschäftigung mit der Bodenvegetation tarnen.
Im Juni zeigte sich die Landschaft besonders üppig. Bärlauch bedeckte große Flächen des Waldbodens und über allem lag dieses schwer zu beschreibende Gefühl, sich einer Landschaft zu nähern, in der der Mensch tatsächlich nur Besucher ist. Vielleicht war genau das eine der stärksten Erfahrungen dieses Regionaltreffens: Wildnis nicht als spektakuläre Kulisse zu betrachten, sondern als etwas, das seinen Wert gerade daraus bezieht, dass wir nicht überall eingreifen.

Sie sind da!
Abgesehen von den abendlichen Beobachtungen im Hide wurde aus dem zunächst eher abstrakten Wissen um Bär und Wolf Dank Petra etwas ausgesprochen Konkretes, denn tatsächlich mussten wir nicht lange darüber philosophieren, ob die großen Beutegreifer diese Wälder tatsächlich nutzen. Wir fanden Bärenspuren und Bärenlosung – und schließlich sogar frische Wolfslosung. Spätestens da bekamen die Wälder rund um uns eine etwas andere Dimension. Denn einen Wolf nicht zu sehen, ist das eine. Vor seiner frischen Hinterlassenschaft zu stehen und zu wissen, dass deren Verursacher hier vor nicht allzu langer Zeit unterwegs gewesen sein muss, ist dann doch etwas anderes.
Zusätzlich konnten wir gemeinsam eine Wildkamera auslesen. Plötzlich wurde sichtbar, was sich in diesen Wäldern weitgehend unbemerkt vom Menschen bewegt. Gerade solche Einblicke machen deutlich, wie viel tierisches Leben um uns herum stattfindet, ohne dass wir auch nur einen Bruchteil davon unmittelbar wahrnehmen. Und genau darin lag vielleicht ein besonderer Reiz dieser Tage: Kočevsko präsentierte seine Wildnis nicht auf Bestellung. Man musste lesen lernen – Spuren, Losung, Bilder einer Wildkamera, Geräusche und all jene kleinen Zeichen, die verraten, dass wir keineswegs allein im Wald unterwegs sind.
Bärenfotografie – zweiter Versuch
Am Samstagabend bezogen erneut vier Teilnehmer die Beobachtungshütte. Nach dem überaus erfolgreichen Vortag mit drei Bären waren die Erwartungen naturgemäß nicht gerade geringer geworden. Doch Wildtiere führen glücklicherweise keine Veranstaltungskalender und fühlen sich auch nur bedingt an die Erwartungen von Naturfotograf gebunden. Immerhin: Ein Bär ließ sich auch an diesem Abend beobachten. Und dann erschien noch ein alter Bekannter. Ein Dachs. Ob es tatsächlich derselbe Dachs wie am Vorabend war, konnte trotz geballter naturfotografischer Expertise nicht abschließend geklärt werden. Wir wollen ihm jedenfalls zugutehalten, dass er möglicherweise lediglich überprüfen wollte, ob die österreichischen Besucher auch am zweiten Abend ihre Plätze ordnungsgemäß eingenommen hatten. Damit lautete die Bilanz zweier Ansitze: vier Bären und zweimal Dachs. Nicht schlecht für ein Regionaltreffen, bei dem uns Petra von Anfang an darauf hingewiesen hatte, dass die großen Bewohner dieser Wälder zwar hier leben, sich dem Menschen aber normalerweise eher selten – und vor allem: Fast immer ohne Konflikte präsentieren.
Und plötzlich waren vier ausgesprochen intensive Tage in Slowenien vorbei.
Was bleibt?
Natürlich bleiben Bilder. Speicherkarten voller Bäume, Landschaften, Details, Lichtstimmungen und diesmal eben tatsächlich auch Bären. Aber wie bei unseren Regionaltreffen eigentlich immer sind es am Ende nicht ausschließlich die Fotos, die solche Tage besonders machen. Es sind die gemeinsamen frühen Aufbrüche. Das Warten auf Licht. Die Diskussion darüber, welches Objektiv nun wirklich unverzichtbar gewesen wäre. Das gemeinsame Essen nach einem langen Tag. Die Gespräche über Fotografie und Naturschutz. Und nicht zuletzt das Erlebnis, mit Menschen unterwegs zu sein, die beim Anblick eines uralten, halb vermoderten Baumstammes nicht fragen: „Warum fotografierst du DAS?“, sondern wortlos daneben ihr eigenes Stativ aufbauen.
Kočevsko hat uns eindrucksvoll gezeigt, welche Faszination von großen, weitgehend ursprünglichen Waldlandschaften ausgeht. Bärenspuren im Schlamm, frische Wolfslosung, die Bilder einer Wildkamera und schließlich die Begegnungen mit den Bären selbst machten zugleich deutlich, dass „Wildnis“ hier weit mehr als ein schönes Etikett ist. Vielleicht liegt gerade darin die nachhaltigste Erinnerung an diese Tage: Wir waren nicht in einer Landschaft unterwegs, die für uns inszeniert wurde. Wir waren Gäste in einem Lebensraum, der auch ohne uns hervorragend funktioniert.
Ein ganz besonderer Dank gilt Dr. Petra Draškovič Pelc, die diese Tage geplant und begleitet und uns mit großer Sachkenntnis und Begeisterung durch „ihr“ Kočevsko in Slowenien geführt hat. Ihr Motto „Discover – Experience – Feel KOČEVSKO“ erwies sich jedenfalls als ausgesprochen treffend. Wir haben entdeckt und erlebt. Und wir haben Bären gesehen. Ja – wir haben Kočevsko gespürt. Auch wenn der dazugehörige Rückblick ein klein wenig länger auf sich warten ließ…
In diesem Sinne „Gut´Licht“ & bis zum nächsten Mal!
Die Fotos wurden von Anton Zach und Karl Felber gemacht und sind urheberrechtlich geschützt.

Martin Hartmann ist Nationalpark-Mitarbeiter, Leiter der Fotoschule Gesäuse, und Präsident des VTNÖ. Sein Wohn- und Arbeitsort ist von den Gesäusebergen umgeben und seine Leidenschaft für Naturfotografie führte ihn auf zahlreichen Reisen in die schönsten Naturschutzgebiete weltweit.




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